«Die Expertise ist immer im Raum.»
– Darco Cazin.
Darco Cazin begleitet das Projekt graubünden Bike seit seinen Anfängen. Im Interview erklärt er, wie aus einem regionalen Bedürfnis ein kantonsweites Netzwerk entstand, warum Partizipation Vertrauen braucht – und was ihn in drei Jahren Projektarbeit wirklich überrascht hat.
Darco, erzähl uns bitte: Wie kam es zu graubünden Bike?
Die Impulse kamen aus den Regionen. Destinationen wie die Lenzerheide – damals noch unter dem Namen «Bikerheide» – waren schon sehr aktiv. Mit der Zeit wuchs das Bedürfnis, diese Entwicklungen auch kantonal zu koordinieren.
So entstand graubünden Bike. Einerseits, um Grundlagen zu schaffen, die alle Destinationen und Stakeholder nutzen können, andererseits, um Konsens zu finden zu Themen wie Koexistenz, Raumplanung und Umwelt.
Das Ziel war von Anfang an, jeden dort wirken zu lassen, wo er am besten wirken kann. Denn es macht keinen Sinn, wenn sich eine Vermarktungsorganisation plötzlich um Infrastruktur kümmern muss.
Im Laufe der Zeit entstanden unterschiedliche Projekte und ein wachsendes Netzwerk – von Themenallianzen über Graubünden Ferien bis zu Bikehotel-Zusammenschlüssen und der Weiterentwicklung der Transportangebote im öffentlichen Verkehr.
Das aktuelle Projekt, das 2026 in sein letztes Jahr geht, baut auf dieser Logik auf: neue Geländekammern zu erschliessen, weitere Disziplinen zu integrieren, wie Gravel oder Rennrad, und inklusiver werden, über Altersgruppen und Geschlecht hinweg. Und schliesslich dem Umstand Rechnung tragen, dass die Grenze zwischen Freizeit und Alltag immer mehr verschwimmt.
Gibt es Wirkungen von graubünden Bike, die man nicht sofort sieht, die aber besonders relevant sind?
Mountainbike-Gäste bleiben länger, geben mehr aus und schaffen neue Wertschöpfungsketten. Bergbahnen, Hotellerie, Gastronomie, Sporthändler und regionale Dienstleister profitieren direkt davon. In Graubünden liegt der durchschnittliche Tagesausgabenwert von Mountainbikenden bei 304 CHF (bike impact Studie 2025, graubünden Bike) – ein konkretes Argument für den strategischen Aufbau eines Bikeangebots.
Wer in Graubünden Fahrrad fährt, merkt, dass hier vieles entwickelt wurde und gut aufeinander abgestimmt ist. Auf dem Mountainbike ist das am deutlichsten spürbar im Vergleich zum Alltagsvelo, Gravel oder Rennrad. Doch auch dort holen wir auf.
Was man nicht sieht – und auch nicht sehen muss – ist das, was hinter den Kulissen passiert. Das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure, die Art, wie man in Graubünden zusammenarbeitet, Konflikte austrägt, Kompromisse eingeht und auf Augenhöhe diskutiert.
Ein Resultat davon ist die gelebte Koexistenz im Raum, der verschiedene Nutzungen auf sich zieht. Das ist entscheidend. Dazu kommen Grundlagenarbeit in der Raumplanung, Leitfäden für die Produktentwicklung und die Vertretung in den nötigen Gremien. Vieles davon bleibt unsichtbar – und das ist gut so.
Was braucht es, damit Partizipation nicht nur ein Schlagwort bleibt, sondern im Projektalltag wirklich funktioniert?
Es braucht Vertrauen. Und eine Haltung, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen – unabhängig vom Titel, vom Jobbeschrieb oder der Grösse der Organisation, die jemand vertritt. Dann braucht es Räume, in denen Begegnung möglich ist.
Und nach dem Austausch braucht es Unterstützung, damit Ideen in die Umsetzung kommen: Expertise, Zeit, finanzielle Mittel oder andere Ressourcen, die es gibt.
OKR und Open Space prägen die Arbeitsweise von graubünden Bike. Warum passt diese Methodik besonders gut zu einem kantonsweiten Projekt?
Open Space ist zunächst eine Methode für Konferenzen und Tagungen. Entscheidend ist aber die Haltung dahinter: das Vertrauen, dass das Angebot, das aus einer Gruppe entsteht, genau das ist, was diese Gruppe braucht. Und dass die Expertise im Raum ist, um zu entscheiden, wie gross oder wie klein die nächsten Schritte sein können.
Deshalb ist Open Space als Haltung im Rahmenprogramm von graubünden Bike entscheidender als die Konferenz, die einmal pro Jahr stattfindet. Es geht darum, Grenzen zu finden, die man einerseits aushalten kann – und die andererseits noch Halt geben. Wer völlig frei gelassen wird, verliert sich. Wer ein zu enges Korsett bekommt, macht nicht mehr mit. Die Kunst liegt darin, den Rahmen so zu setzen, dass Menschen mit ihrer eigenen Geschichte darin Platz finden.
Was hat dich im Projekt in den letzten drei Jahren am meisten überrascht?
Zwei Dinge. Erstens die Geschwindigkeit: wie schnell aus OKR-Workshops und Open-Space-Prozessen heraus tatsächlich umgesetzt wird. Das hätte ich nicht erwartet. Zweitens die schiere Menge: Wir sind jetzt im letzten Projektjahr und haben bis heute 40, bald 41 oder 42 Teilprojekte lanciert und umgesetzt – mit konkreten Resultaten. Diese Dynamik hat mich nicht nur positiv überrascht, sie ist auch schlicht überwältigend.
Welche Vision treibt dich persönlich an, wenn du an die Zukunft von graubünden Bike denkst?
Ich denke an die Menschen. An die vielen verschiedenen Menschen, die gestalten, die zusammengestalten, die im Austausch sind und dieses Angebot in seinen verschiedenen Facetten weiterbringen – in einem Tempo, das zu Graubünden passt. Wenn ich an diese Menschen und ihre Arbeit denke, stimmt mich das nach wie vor sehr zuversichtlich.
Wollt ihr das Potenzial eurer Destination voll ausschöpfen? Wir begleiten euch – von der Entwicklung einer passenden Strategie bis zur Umsetzung vor Ort, etwa beim Aufbau neuer Trails.